Wutbürger, Teil 1

Die Medien

Mit Unverständnis bis hin zur Fassungslosigkeit reagiert der Journalismus in Europa und den USA auf die Anfeindungen, die er von Bannon in den USA bis Grillo in Italien erlebt.

Diesem Unverständnis wiederum stehe ich einigermaßen fassungslos gegenüber. Es ist an der Zeit, zu verstehen, was hier passiert, denn die Radikalität, so deute ich die Zeichen der Zeit, wird überall zunehmen. Wenn große Teile der Presselandschaft nicht verstehen, warum sie in dieser Art und Weise angegangen werden, dann wird es Zeit, ein wenig Licht ins Dunkel zu bringen.

Eins – die äußeren Umstände

Erstens bedeutet es, dass sich viele Journalisten offensichtlich selbst in einer jener oft beschworenen Blasen aufhalten, die sie dem einfachen Volk gerne zu erklären versuchen. Diese bestehen zum Teil daraus, sich sehr häufig und sehr unkritisch in der Nähe der Reichen und Mächtigen aufzuhalten und ansonsten auch eher eine eigene Kaste geblieben zu sein, die sich lange nicht mehr gefragt hat, für wen sie schreibt und für wen sie schreiben sollte. Bezahlt werden Journalisten weltweit von relativ wenigen Familien und Konzernen und natürlich von Parteien, denen die Medien gehören oder die große Anteile an ihnen haben. Zeitungen, Journale und auch Onlineformate sind im Besitz von Menschen mit wirtschaftlichen Interessen, sie sollen kommerziell erfolgreich sein, und es ist nur logisch, dass man in Zeiten der Globalisierung mit so ziemlich jeder kritischen Berichterstattung einem potentiellen Anzeigengeber auf die Füße tritt, da Unternehmen ja nun sehr breit und in vielen Geschäftsfeldern aufgestellt oder mit ihnen verbandelt sind. Diese Interessen sind vorhanden – davon, welche Rolle sie spielen, kann sich dann jeder Leser ein eigenes Bild machen. Das Ergebnis dürfte im Jahre 2017 ziemlich vernichtend für den Stand des gemeinen Journalisten einst angesehener Medien sein.

In dieser Blase, der von Interessen weichgespülten Mainstreamberichterstattung, kommt natürlich noch der Zeitdruck hinzu: Alles muss schnell gehen in Zeiten des Internets. Wer zuerst die Meldung hat – gewinnt. Wer bremst – verliert. Das führt zu Fehlern und mangelnder Qualität, es rücken wochenlang recherchierte Geschichten in den Hintergrund oder werden gar nicht finanziert, Reuters liefert uns genug Schlagzeilen, um den Laden am Laufen zu halten. Ja, Ausnahmen bestätigen die Regel, soll heißen: Sogar wenn du ein kritischer, gut recherchierender Journalist bist, der bereit ist, den Fleck auf der Weste dessen zu beschreiben, der deinen Gehaltscheck ausstellt, kann das schon wirtschaftlich fast unmöglich sein.

Das sind keine einfachen Umstände, zugegeben, aber es geht schlimmer. Und außerdem gibt es ja auch noch die Öffentlich-Rechtlichen.

Zwei – die „einfachen“ Menschen

Ja, genau die. Die Dummen. Also die anderen und ich. Das einfache Volk. Die, denen man jahrelang die Welt erklärt hat.

Die stehen jetzt auf und erklären uns Medien, was hier passiert?

Ja.

Genau das.

Und mit Recht!

Der Journalistenstand – besonders im öffentlich-rechtlichen Bereich – war zum Unbehagen von Minderheiten viele Jahre lang Bundesland-Parteibuch-geprägt. Aber nicht nur das. Wenn ich aktuell auf die Seite der ARD schaue, dann erklärt sich mir sehr schnell die Wut der Menschen. Und ich nehme sie nur, weil sie ein so schönes Beispiel hergibt, welches auf Spiegel-Online, Focus und Süddeutsche genauso anzuwenden ist: Es ist diese fatale Kombination, dass sich da Menschen hinstellen und mir die Welt erklären, die aber gleichzeitig selbst nicht reflektieren, was die Menschen in dieser Welt wirklich bewegt. Konkret: In einer fast schon bemitleidenswerten Ignoranz dessen, was das eigentliche Problem ist, versucht die ARD seit Wochen, den offensichtlich unmündigen Bürger aufzuklären, und beschreibt uns Unmündigen: So entstehen Fake-News, so entstehen Verschwörungstheorien, gefangen im Glauben etc. Das sind Themenschwerpunkte. Parallel dazu: Trump, die Türkei, Berichte über Griechenland, Syrien, eben das, was man seit Jahren als Nachrichten kennt. Die ARD und ihre Mitarbeiter setzen sich also offensichtlich zusammen, analysieren die Lage und wollen ihrem Aufklärungs- und Erziehungsauftrag nachkommen. Wer auch immer ihnen den gegeben hat. Sie merken dabei aber nicht, dass der Effekt, den sie erzielen, ein genau gegenteiliger ist: Das Volk, die Menschen haben den Anspruch an sie, dass sie ausgiebig und kritisch über „die da oben“ berichten, seien es Politiker oder Konzerne, und nicht belehrend „die Dummen da unten“ auf Kurs bringen wollen. Denn das ist genau der Eindruck, der entsteht: Es gibt riesengroße, handfeste Probleme in diesem Land. Diese sind ethischer, moralischer, fiskalischer, sozialer, systemischer Natur. Vor allem geht es um die wachsende Ungerechtigkeit. Es gibt viele Fragen, die den Menschen auf den Nägeln brennen – aber anstatt dass sich die, nennen wir sie ruhig Mainstreammedien, darauf einstellen und das ernst nehmen oder überhaupt nur sehen, schreiben sie mehr und mehr und in offensichtlich steigender Hilflosigkeit gegen die Phänomene an, die aus diesen nicht beantworteten Fragen und nicht angesprochenen und erst recht nicht geklärten Problemen entstanden sind: die AfD, die Wutbürger, die sich radikalisierenden Fußballfans, die linken Demonstranten, diese und jene, es ist vollkommen egal.

Um das mit einem Beispiel zu verdeutlichen: Seit 1990 haben die größten Parteien mehr als die Hälfte ihrer Mitglieder verloren. Von den Medien wurde, passend dazu, in der Vergangenheit mehrfach eine „Politikverdrossenheit“ festgestellt. Die Wahlbeteiligung ging stetig zurück, man kann von manchen Teilen Deutschlands sagen, dass die Demokratie aktiv, also mindestens durch Wählen, nur noch von einer Minderheit gelebt wird.

Wurde dieses Problem, das eine nicht unerhebliche Menge an Bürgern betrifft, gelöst?

Nein, im Gegenteil, es setzt sich bis heute fort.

Dass die regierenden Parteien das mehr oder weniger ignoriert haben und immer noch ignorieren, ist verständlich: Ob die CDU jetzt 40 % von 80 % der Wählenden erhält oder von 55 % – für sie bleibt es gleich. Dass 25 % nicht mehr wählen gehen und warum, ist für das Regieren und die Sitzverteilung irrelevant. Gleiches gilt für alle anderen Parteien. Und so sitzt man das aus und regiert einfach weiter.

Jetzt holt die Parteien das ein und hat einen Namen: AfD.

Wo wart ihr Medien die letzten gut 25 Jahre, in denen diese Entwicklung, verursacht, angefeuert und angeheizt durch einen immer unsolidarischen Kapitalismus, stattgefunden hat?

Versteht ihr immer noch nicht, woher die Wut und die Wütenden kommen?

Ihr seht sie und ihr seht wem sie sich zuwenden. Aber das ihr als Verteidiger der Demokratie vor allem Verteidiger des Establishments seid, zeigt sich doch am besten am Umgang mit dem Symptom AfD.

Die Menschen haben euch sehr wohl zugehört und tun das immer noch, wenn ihr über die Rentner berichtet habt, die Pfandflaschen sammeln, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet haben. Sie haben euch sehr wohl zugehört, wenn es um die Leiharbeiter, die Arbeiter zweiter Klasse geht. Sie haben sehr wohl verstanden, wie geschönt die Arbeitslosenstatistiken mittlerweile sind, und dass überall und immer nur gekürzt wird. Warum eigentlich?

Und sie spüren dabei selbst die Wohnungsnot, die soziale Kälte, dabei den Leistungsdruck, den unnötigen und scheinbar unaufhaltsamen sozialen Abstieg vieler zum genauso unnötigen Wohle sehr weniger, die bereits alles nur Erdenkliche besitzen. Das merken wir einfachen Menschen seit Jahren: Geh in eine Klinik, sprich mit Ärzten und Pflegern, sieh die Zustände – und schau anschließend auf das Privatvermögen der Besitzer dieser Klinik. Aber wir nahmen alles hin und wussten nicht, wohin mit unserer Wut – das ändert sich gerade.

Und die Medien bekommen das ab.

Und warum?

An die Politiker von CSU bis zu den Grünen haben viele Menschen schon lange nicht mehr den Anspruch, für sie da zu sein – an Teile der Medien schon. Wer, wenn nicht sie, hätte das Bindeglied zwischen den Interessen der breiten Bevölkerung und den wenigen in der Regierung sein können? Wer, wenn nicht sie, hätte diese Missstände nicht nur aufzeigen, sondern eine Änderung einfordern können? Man darf doch davon ausgehen, dass viele laute Medienstimmen zumindest annähernd den Einfluss auf die Politik ausüben können, den die BILD allein tagtäglich ausübt.

Und damit kommen wir zu Punkt drei.

Drei – was berichtet und was nicht berichtet wird (aber berichtet werden sollte)

oder auch „Der Anspruch an die Medien“.

Nein, die Mainstreammedien müssen mir nicht mit kritischer Berichterstattung beweisen, dass 9/11 eine Verschwörung war. Aber sie müssen mich auch nicht als Verschwörungstheoretiker hinstellen, wenn ich kritische Fragen stelle – was eigentlich sie hätten machen sollen. Und da sind wir schon beim Kern:

Es ist keine Verschwörungstheorie, zu sagen, dass die Vermögensverwaltung Black Rock an allen 30 DAX-Unternehmen beteiligt ist, bei fast zehn davon als größter Einzelaktionär. Es ist keine Verschwörungstheorie, zu sagen, dass sie insgesamt fast 5 Billionen (oder fünftausend Milliarden) Dollar verwaltet und damit erheblichen Einfluss auf Posten, Regierungen, Länder, Firmen hat – und wohl auch nimmt. Und es ist keine Verschwörungstheorie, zu sagen, dass sie ziemlich wahllos in ihren Investments ist, also wenn Ethik hier irgendjemanden interessiert.

Es ist auch keine Verschwörungstheorie, zu sagen, dass Goldman-Sachs mindestens seit Clinton jede amerikanische Regierung, und zwar das Finanzministerium, „infiltriert“ hat, was ähnlich wie beim Irakkrieg Anfang des Jahrtausends zu einer, ich nenne es, Verschwörung geführt hat, bei der die großen Banken mit Staatsgeldern gerettet worden sind, und das, obwohl ursprünglich das US-Repräsentantenhaus dagegen war. Es ist keine Verschwörungstheorie, dass in Europa und den USA keiner derjenigen bis heute zur Rechenschaft gezogen worden ist, die für das gierige Wetten auf Wetten und die daraus resultierende Verbrennung von Abermilliarden Euro und Dollar verantwortlich sind. Es ist keine Verschwörungstheorie, anzumerken, dass neben diesen Tausenden, die nicht für das geradestehen mussten, was sie getan haben, es doch auffällt, wie sehr ein Snowden und ein Assange verfolgt werden. Und es ist keine Verschwörungstheorie, dass der „kleine Mann“ die Zeche für diese Spekulationen bezahlt hat und das oft gleich dreifach: mit Verlust der Hypothek oder des Hauses, mit Verlust von Renten, die in AAA-bewerteten Schrottpapieren steckten, und zuletzt durch die Bankenrettung per Steuergeld. Es ist keine Verschwörungsprognose, dass es bald kaum noch eine Mittelschicht gibt, da sich die Reallöhne der Arbeiter seit fast 30 Jahren kaum verändern, und dass, während wir uns wie die Schafe über Trump aufregen, längst das Kapital zusammengezogen worden ist und wir mehr und mehr regiert werden von einer neuen Aristokratie, die wir nicht gewählt und gewollt haben und die wir definitiv nicht wählen würden, wenn wir könnten.

Oder doch? Wie verzweifelt müssen Menschen sein, wenn sie einen Milliardär wählen, weil er vermeintlich ihr einziger Ausweg zu sein scheint, um nicht noch einmal das Establishment zu wählen. Das ist, als würde ich bei der Wahl zwischen Pest und Cholera die Pest wählen, weil ich mir von den eitrigen Beulen das plastischere Statement verspreche. Das ist einfach nur bitter.

Es ist, last but not least, bestimmt keine Verschwörungstheorie, sondern notwendig, den bestehenden Zusammenhang zwischen all diesen Einzelinformationen herzustellen.

Es ist für die größte systemische Entwicklung dieser Welt vollkommen egal, wer Präsident der Vereinigten Staaten oder sonst eines Landes ist, weil die Maschinerie um diesen Posten kaum noch verändert wird und weil die Top 0,01 % längst ihre Schäfchen ins Trockene gebracht haben: der Kapitalismuszug a la USA ist too big to be stopped, um im Vokabular zu bleiben. Welcher Clown da im Führerhaus sitzt, und sei es der aus ES, interessiert für die Entwicklung der nächsten Jahrzehnte nicht, weil die Weichen schon vor vielen, vielen Jahren gestellt worden sind. Der Zug fährt jetzt auch von alleine. Im Führerhaus, aktuell Trump, ist lediglich ein Symbol und ein für viele willkommenes Aushängeschild. An ihm kann man sich abarbeiten, und wir können weiter der Illusion hinterherlaufen, dass das wirklich das Entscheidende ist. Als ob!

Wenn wir nicht durch Erderwärmung, einen Meteoriten oder tatsächlich dadurch in den Untergang gehen, dass wir das größte Atomwaffenarsenal der Erde in die Hände eines Riesenbabys gelegt haben, wird passieren, was gerade auch passiert: Krisen werden den Zusammenzug des Kapitals eher beschleunigen denn verlangsamen. Schaut nach Griechenland!

Nein, doch lieber Trump, denn dort entlädt sich gerade ein Unterhaltungsspektakel, das fast alle Sinne, die wir durch jahrelange Konditionierung geschärft haben, antriggert: Alles ist permanent in Gefahr, die political correctness wird mit Füßen getreten …, Aufregung herrscht allenthalben und tatsächliche Tote, die gibt es auch.

Und dahinter gibt es die 0,01 %, die uns auslachen: weil sich alle an Trump abarbeiten, während sie weiter und weiter in jedem Land der Erde ihr Vermögen steigern, und es ihnen egal ist, wo es besser aufgehoben wäre – im Sinne von „besser für das Allgemeinwohl“.

Wirtschaftsbosse sind keine Demokraten. Ein Wirtschaftsunternehmen wird nicht demokratisch geführt. Wirtschaftsbosse sind auf Profit fixiert. Und es ist bekannt, dass sich unter ihnen überdurchschnittlich viele Soziopathen befinden. Moral ist nicht zwangsläufig Teil ihrer Ausbildung und sicher nicht förderlich für den Aufstieg. Und wer in einer globalen Riesenfirma aufsteigen will, muss sich beeilen und am schnellsten und radikalsten das machen, was der Firma nutzt. So werden Soziopathen gefördert. Wer erwartet also von diesen Menschen, adäquat mit Demokratie umzugehen, wenn sie das nie gelernt und praktiziert haben, im Gegenteil sogar ein autoritäres System verinnerlicht haben?

Nein, dafür brauchten wir eine starke Demokratie und eigentlich auch lautstarke Medien, die eine Kontroll- oder zumindest Spiegelfunktion ausüben sollten – wie ein Spiegel, nicht wie der Spiegel.

Eigentlich.

Denn diese Medien haben in den letzten Jahren, immer mit Ausnahmen, aber in der Breite dabei so eklatant, grandios und auf breiter Front versagt, dass manche Menschen nicht glauben wollen oder können, dass dies ohne Vorsatz und System, sondern aus reiner Ignoranz geschieht! Es ist auch schwer zu verstehen, dass diejenigen, die uns in heute-journal und Tagesthemen tagtäglich über die Welt aufklären, tatsächlich nur tagesaktuell arbeiten, ohne Querverbindungen und Zusammenhänge herzustellen.

Da ist dann meine Fassungslosigkeit: Die Menschen, die mir jahrelang die Welt erklärt haben, verstehen nicht, dass sie sich durch mangelndes Rückgrat, mangelnde Reflexion, mangelnde Zeit, was auch immer, längst zu willfährigen Schergen des Systems gemacht haben?

Da geht es seit vielen Jahren in allen Bereichen bergab, was Kultur, Gesundheit, Rente, Bildung, so ziemlich alles angeht. Mehr und mehr merken es, indem sie es sehen oder schon an ihrer eigenen Haut spüren. Liebe Journalisten, wie würdet ihr das denn beschreiben, wenn so ein Niedergang all dessen, was die Menschen brauchen, zu schätzen gelernt haben, teils mit absurden Erklärungen, aber ohne nennenswerte Gegenwehr der Medien vonstatten geht?

Ich tue es nicht, kann aber verstehen, dass nicht ganz so differenziert Hinschauende da von Lügenpresse und Propaganda sprechen. Nicht weil da wirklich so viel gelogen wird, vielleicht in Einzelfällen, sondern weil die Art der Darstellung und vor allem der Nutzen der in dieser Art der Darstellung liegt nicht mehr der Mehrheit des Volkes dient, sondern das politische und wirtschaftliche Establishment stützt, den Status quo in einer Abwärtsspirale.

Nein, die Agenda 2010 war auch zu ihrer Zeit nicht alternativlos und die Bankenrettung auch nicht. Die Erhaltung des Sozialstaats und der menschlichen Solidarität und Würde ist es. Kritisches, freies Denken zu fördern ist es.

Bestimmte Werte sind es.

Wenn nun diese Werte als Fundament der Berichterstattung nicht mehr zu erkennen sind, darf man doch zu Recht fragen, nach welchen Kriterien denn berichtet wird?

Und die beste Frage, die man seit Cicero immer stellen darf und sollte: wer profitiert?

Wer profitiert von der Art und Weise wie Berichterstattung, die in weiten Teilen der Medien 2017 stattfindet?

Gerade wird Herr Schulz auf allen Kanälen in die Mangel genommen und alle, die sich gegen ihn äußern, kommen zu Wort. Gestern hat die Kanzlerin sich ganz klar zur Agenda 2010 bekannt. Schulz verspricht ein paar Änderungen und man wirft ihm von Seiten der anderen Politiker und der Medien vor, dass das ja wohl nicht reiche. Soziale Gerechtigkeit. Ha! Die Kanzlerin sagt gar nichts sonst und steht für keine Idee, geschweige denn für eine Vision, aber das scheint in Ordnung zu sein. Sie ist die andere Wahlkämpferin, aber kein Wort über ihre fehlenden Inhalte – und keiner, der es einfordert. Fühle ich mich davon manipuliert? Ja. Es ist so, als würde auch hier die Presse nicht verstehen, was eigentlich passiert, würde sich geradezu provoziert fühlen von dieser unerhörten und unvorhergesehenen Popularität und will nun zurechtrücken, was nicht in ihr Weltverständnis passt: im Jahr 2017 kann eine ganze Partei aus dem Stehgreif mehr als 10% zulegen, weil sie neben vielen etablierten Abnickern und Parteibonzen einen Mann als Kanzlerkandidaten präsentiert, der mit einer gewissen Authentizität allein die Möglichkeit auf Politik mit Rückgrat und mehr soziale Gerechtigkeit in Aussicht stellt.

Wow.

Und ja, das bedeutet: so nötig hat es das Volk!

Und hinter diesen mindestens 10%, denn das ist „nur“ Wahlvolk, stehen noch weitere, große Teile der Bevölkerung, die längst nicht mehr wählen oder sich bereits anderen Gruppierungen zugewandt haben. In den USA war die Gruppe letztlich so groß und frustriert, dass sie einen gewissen Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat. Bannon und er hatten das erkannt – weite Teile der Mainstreammedien anscheinend bis heute nicht.

Ob es für den „Sozialisten“ Hollande mit den Millionären im Kabinett bald ein ähnliches Erwachen gibt?

Es läuft immer wieder auf eins hinaus: Das zentrale Thema ist der neoliberale Kapitalismus vs. soziale Gerechtigkeit, also soziale Marktwirtschaft. Alle anderen Themen leiten sich davon ab. Der Gewinner ist neoliberal und das spüren die Menschen und fühlen sich zu Recht verraten. Denn es ist ihr Land, ihr Europa, ihre Welt. Wenn sich Menschen Populisten und Nationalisten zuwenden, dann deshalb, weil sie nirgendwo anders mehr Gehör finden, weil sie für ihre empfundene Not nirgendwo sonst mehr Adressaten sehen. Weder in Politik noch Medien. Randparteien wendet man sich zu, weil dort die Menschen authentischer, radikaler sind, Facebookgruppen und alternativen Medien, weil man irgendwo gehört werden will. Die USA könnten uns ein so schön mahnendes Beispiel dafür sein, wie es bei uns in den nächsten Jahren sein wird: immer mehr Einfluss der Privatwirtschaft auf Schulen, Universitäten, den Gesundheitssektor, das Militär, städtische Betriebe, eigentlich auf alles. Denn das ist der neoliberale Kapitalismus US-amerikanischer Prägung. Es ist ihm immanent, dass er undemokratisch ist, Egoismus fördert, Kampf und Wettbewerb in den Mittelpunkt stellt, und dass der Erfolg von all dem möglichst wenigen zuteil wird.

Und dafür geben wir unsere Werte auf?

Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der es durch technischen Fortschritt längst möglich wäre, den Menschen ein besseres, selbstbestimmteres Leben zu verschaffen – wenn man sie nicht in Angst und Abhängigkeit halten würde.

Natürlich ist jeder selbst für sein Erwachen und die Abkehr von der Illusion der Angst zuständig – aber es darf ruhig einfacher werden durch ein menschlicheres, mitfühlenderes Umfeld.

Die Medien jedenfalls haben es in den USA nicht geschafft, den Mächtigen auf die Füße zu treten und Sprachrohr des Volkes zu sein. Dort haben in den letzten Jahren die Lobbygruppen ziemlich unverhohlen die Macht übernommen und der Regierung Gesetze in die Feder diktiert.

Natürlich sind es nicht die Medien dort, die jetzt die Hate-Speech auspacken und die nächste Eskalationsstufe zünden – aber ihr Versäumnis, für die Rechte der breiten Bevölkerung einzutreten, die Entwicklung zu sehen und beim Namen zu nennen und Politiker wie Wirtschaft verantwortlich zu machen, hat erst dazu geführt, dass sich Menschen Breitbart, Fox und letztlich Trump zugewandt haben.

Fazit:

Die Mainstreammedien von 2017 werden von dem eingeholt, was sie mehrheitlich mindestens die letzten 25 Jahre nicht gemacht haben, aber nach Meinung vieler hätten machen sollen: klar aufzuzeigen, in welche Richtung sich dieses Land, diese Welt gerade bewegt, und damit Einfluss darauf zu nehmen, dass gerade das nicht passiert.

Statt jede Eskalationsstufe bis heute als Einzelfall abzuhandeln, also bei Aktualität einmal das komplette tägliche Krisenprogramm deutscher Couleur durchzunudeln: Maybrit Illner, Maischberger, Anne Will, die Onlineformate und einmal Tagesthemen / heute-journal, wäre es (und ist es nach wie vor) angebracht gewesen, an irgendeiner Stelle „Stopp!“ zu sagen – und sich mal zu fragen, ob es vielleicht etwas gibt, was all diese Einzelfälle verbindet

und ab welcher Eskalationsstufe man eben „Stopp!“ sagt.

Gleichbedeutend mit: „Bis hierhin und nicht weiter!“.

Irgendwo auf dem Weg, sagen wir von der Deregulierung des Bankensektors über Wiedervereinigung, Euro-Einführung und Agenda 2010 bis heute hätte das gerne erfolgen dürfen, das „Stopp!“

Aber es passierte nicht.

Wenn auch in den Medien alle Symptome dieser Entwicklung irgendwo aufgezeigt wurden, führte das in der Breite nicht dazu, lang anhaltend und in notwendiger Weise kritisch Zusammenhänge herzustellen und das System an sich zu hinterfragen samt seinen Protagonisten.

Es gab kein „Stopp!“, stattdessen entstand die Formulierung des „ungezügelten“ Kapitalismus. Also das Gegenteil von „Stopp!“.

Wie 1890 oder 1935 gibt es auch 2017 eine Hauptideologie, eine Agenda, ein System, dem dieses Land mit all seinen Implikationen und Verknüpfungen folgt. Und es ist nicht primär die Demokratie, sondern der neoliberale, asoziale Kapitalismus, dessen Ziel es ist und der nebenbei auf dem besten Wege ist, das gesamte Kapital auf vielleicht 0,01 % der Weltbevölkerung, eher weniger, zu vereinen. Wie auf dem Weg dahin, also aktuell, ist von diesen 0,01 %, auch wenn sie es geschafft haben, keinerlei ethische, moralische oder demokratische Regung zu erwarten. Die Notwendigkeit, sich zu hinterfragen, besteht bei mehreren Milliarden Kapital ebenso wenig wie früher bei Königen oder Diktatoren und muss von anderer Seite erfolgen. Das war immer der Auftrag der freien Presse. Passiert dies nicht, fährt der Zug ungebremst weiter.

Das macht er gerade und stößt dabei auf erstaunlich wenig Widerstand von Seiten der Medien und der Politik. Jeder scheint zufrieden zu sen, der irgendwo ein Stück vom Kuchen ergattert hat. Mehr noch: Viele Medienschaffende und Politiker scheinen sich selbst zu bereichern, wegzuschauen oder sich aus anderen Gründen zu mehr oder weniger ignoranten, aber sehr willfährigen Schergen dieses Systems zu machen.

Die Enttäuschung darüber richtet sich aktuell vor allem gegen die Medien – was ziemlich selbstverschuldet ist, denn hier nicht klar Stellung zu beziehen, gleichzeitig eine moralische Instanz sein zu wollen und nicht zu sehen, wo die Menschen wirklich der Schuh drückt, ist eine ziemlich schlechte Kombination.

Natürlich ist auch das wieder in Einzelfällen und temporär passiert. Aber wer, wenn nicht die großen Zeitungen und Nachrichtenanstalten, hätte nachhaken müssen, wo denn nun die vielfach angekündigte Regulierung des Finanzmarkts bleibt? Wer, wenn nicht die Medien, hätte am Ball bleiben müssen, warum die großen kriminellen Finanzjongleure nicht verhaftet und verurteilt wurden?

Denn das, wie vieles andere, erwartet eine Mehrheit des Volkes bis heute und bekommt sehr genau mit, dass man heutzutage offensichtlich jeglichen Mist bauen darf, ob als verantwortlicher Minister oder Firmenvorstand, und eben nicht zur Verantwortung gezogen wird: Im schlimmsten Fall verliert man seinen Job mit einem goldenen Handschlag und findet allsbald einen neuen. Haftung? Ausgeschlossen!

Die Menschen bekommen mit, dass griechische Kinder, die nichts für den Zusammenbruch ihrer nationalen Wirtschaft können, ohne Schulbrot in die Schule gehen, während Manager, die Milliarden verspekuliert haben, noch mit einer monströsen Abfindung in ihre Villen zurückkehren – oder reiche Griechen auf ihre Yachten, ohne dass sie die Steuerschuld für ihr in der Schweiz deponiertes Geld bezahlt hätten. Und ja, da besteht ein direkter Zusammenhang zwischen diesen beiden Dingen. Vielleicht nicht bei ARD und ZDF, SZ, Focus und Spon, aber in der Welt. Also nicht Der Welt, sondern der wirklichen Welt.

Das System, welches vielleicht vor 25 Jahren als soziale Marktwirtschaft noch einigermaßen funktionierte, ist heute ein System des neoliberalen Kapitalismus US-amerikanischer Prägung, das geändert werden muss. Ohne Wenn und Aber. Sonst geht unsere Gesellschaft, unsere Solidarität, unsere Demokratie und ein großer Teil dessen, was wir uns als mitfühlende, moderne Menschen erarbeitet haben, einfach kaputt.

Und der Vorwurf an die Medien lautet: nicht nur das Nötige nicht getan zu haben, sondern auch durch die reine Symptomberichterstattung aktiv den Status quo zu unterstützen, das Establishment, das ungerechte System, zu stützen und zu fördern.

Wäre das anders, würde ich tagtäglich über die wahren Feinde der Demokratie lesen und davon, was die wehrhafte Demokratie unternimmt, um ihnen das Handwerk zu legen und soziale Gerechtigkeit zurückkehren zu lassen. Stattdessen lese ich über Trump, die AfD und zwangsläufig immer nur über die Symptome.

Je weniger ihr Medien das versteht, desto radikaler wird die Reaktion sein.

Das ist keine Drohung, das ist ein Fazit aus einem Land, das vor vier Jahren noch keine solche AfD hatte. Ob sie jetzt weiter wächst, wird nicht davon abhängen, ob die Medien sie versuchen, sie quasi als Symptombekämpfer kaputt zu schreiben, womit sie nur den Unmut der Menschen nähren und nur die bestätigen, die von Lügenpresse reden, nur die weiter wegdrängen, die die Medien als Teil des Establishments sehen – sondern ob die Medien endlich verstehen, warum es sie und Trump und Grillo und Le Pen gibt. Manche gehen zum IS und werden Terroristen, manche zu Pegida und andere zu Hogesa. Man kann sich über die Menschen aufregen und wundern. Man kann aber auch einfach mal anfangen zu fragen, was das Bindeglied ist und warum wir anscheinend immer größere Teile unserer Gesellschaft an radikale Gruppen verlieren. Denn das ist nur der Rand – auf jeden von diesen kommen viele andere, die gehört werden wollen und deren Unzufriedenheit, Frust und deren begründete Wut noch nicht in Radikalität umgeschlagen ist.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, ist es relativ egal und sogar willkürlich, ob sie am Ende Salafisten werden oder ihre Gruppe im Fußballverein finden. Einig sind wir uns doch hoffentlich darin, dass eine solche Entwicklung zwangsläufig zu erwarten ist bei fortschreitender Verarmung, zurückgehendem Demokratieverständnis und der weltweiten kapitalistischen Lehre von der ungezügelten Gier.

Und dass eine solche Entwicklung sehr gering bis fast unmöglich wäre in einer Gesellschaft, die Gelder gerechter verteilen und sich zur Maxime machen würde, niemanden zurückzulassen.

Es ist also an der Zeit, die Wut der Menschen ernst zu nehmen, so viel Demut aufzubringen, dass man bereit ist, von den einfachen Menschen etwas zu lernen und die tägliche Symptombefriedigung zugunsten der Benennung und Bekämpfung der Ursachen zurückzustellen.

Jetzt wäre es auch an der Zeit zu zeigen, ob wir wirklich etwas aus unserer Geschichte gelernt haben. Stellung gegen die winzige NPD zu beziehen und sich als Verteidiger der Demokratie hinzustellen ist das eine, aber mutig für Werte gegen den vermeintlichen Zeitgeist einzustehen das andere.

Und wenn Sie mit mir in all dem nicht einer Meinung sind, dann sagen Sie mir doch, wo die Welt in 25 Jahren sein wird, wenn die Entwicklung der letzten 25 Jahre ungehindert fortschreitet,

und ob Sie sich wünschen, in dieser Welt zu leben.

Zeitenwende

Mit deutscher Nachrichtenberichterstattung bin ich groß geworden. Vor ein paar Jahren habe ich angefangen mich zu fragen, wer eigentlich auswählt was berichtenswert ist. Irgendjemand muss vor vielen Jahren mal festgelegt haben, dass ein Discobrand in Nigeria mit 147 Toten eine Meldung in den Abendnachrichten wert ist. Würden weniger als 50 sterben würde ich vielleicht nie davon erfahren. Passiert das Ganze durch eine Bombe kann ich der Nachricht kaum noch entkommen.
Warum muß ich das überhaupt wissen? Eigentlich will ich nur ein bißchen auf dem Laufenden bleiben, was außerhalb meiner begrenzten Welt vor sich geht, allein: so trist und abstumpfend, die Aneinanderreihung von Politik, Tod und Zerstörung. Kaum ein Buschbrand in Australien, der mir entgangen wäre. Oder ein Fährunglück. Dafür wusste ich lange nicht, was sich in dieser Welt gerade irgendwo zum Besseren entwickelt. Wo viele Arbeitsstellen geschaffen wurden. Oder welches Land seine Klimaziele übertroffen hat. Das scheint sich langsam zu ändern. Zu langsam für meine Ungeduld, aber immerhin.
Nun bin ich weit davon entfernt, dahinter eine Weltverschwörung zu sehen oder die Lügenpresse als abstruses Produkt der Mächtigen um uns kleine Menschen unter Kontrolle zu halten. Nein, das machen wir schon selbst. Es ist wohl so, dass wir eine Faszination für eben diese Themen haben. Vielleicht mit Ausnahme von Politik, zumindest wenn sie keinen direkten Bezug zu uns zu haben scheint. Ich habe mal gehört, dass jemand in England „happy news“ zu machen versucht hat. Positive Nachrichten. Mangels Interesse musste das sehr schnell wieder eingestellt werden. Sicherlich auch ein Extrem, aber es dient zur Verdeutlichung: vielleicht ist die Art, wie wir die Welt über Nachrichten wahrnehmen, die Art, die uns zur Normalität geworden ist, ebenfalls extrem?
Der Gedanke macht es mir nicht eben leichter mit der Schnelligkeit und gleichzeitigen Dramatik umzugehen, die unsere Zeit mehr und mehr prägt. Von einer Krise zur nächsten. Von der Griechenlandkrise zur Flüchtlingskrise zur Krise des Rechtsstaats. Und Terror. Immer wieder Terror. Und kaum Zeit zum Luftholen.
Was macht das mit uns? Mit mir macht es – mehreres. Unter anderem finde ich mich fast nirgendwo noch wieder bei all den Meinungen, die gerade in Artikeln, Kommentaren und Foren geäußert werden. Ein Blumenstrauß von Angstneurosen, Ansichtsnelken und Egoprimeln – zu schnell und automatisch gepflückt, ausgerupft, verwelkt.
Gleichzeitig nehme ich eine unsichtbare, wabernde Angst wahr, die sich so ungreifbar wie bedrohlich ausbreitet. Auf der Straße, im Alltag, in mir.
Auch nehme ich eine Gier wahr. Eine Gier nach Unterhaltung. Wann und wo wird wieder irgendwas passieren?
Und das alles zeigt mir, dass sehr oberflächliche oder archaische Eigenschaften von mir gefüttert werden. Eigenschaften, die mir im Alltag kaum zu etwas nützlich sind. Sie sind sicher nicht das Fundament von dem aus ich mich weiterentwickele oder die die Kraft haben, positive oder kreative Veränderungen zu erreichen.
Und dann gab es die Vorkommnisse in der Sylvesternacht 2016 und irgendetwas hat sich noch mal geändert. Und ich war nach langer Zeit mal wieder fassungslos. Ein Gefühl, dass ich übrigens sehr interessant finde. So faszinierend wie Staunen, mit einem Geschmack von Hilflosigkeit. Vieles, was ich in diesem Deutschland als selbstverständlich hingenommen und kaum hinterfragt hatte wurde in einer Nacht am Nasenring durch die Arena geführt. Es ist also vielleicht gar nicht selbstverständlich, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit fast alle Orte in diesem Land begehen kann. Menschen schießen mit Sylveterraketen aufeinander, lachen über und ignorieren überforderte Polizeikräfte um Straftaten zu begehen. Menschen befreien sich aus einer wahrscheinlich empfundenen Ohnmacht indem sie mit steinzeitlich-anmutendem Verhalten Frauen, selbst Kinder nötigen, demütigen und zu weiblichem Fleisch und Lustobjekt erniedrigen. Und das ganze mitten in Köln und Hamburg. Roh und alarmierend.
Zu allem Überfluß war es so einfach.
Vieles ist mir danach durch den Kopf gegangen. Dieses Vorkommnis hat so viel demaskiert. Vor allem, dass die Freiheit mit der ich aufgewachsen bin eben doch nicht selbstverständlich ist und das die gerade lebenden Generationen, die es größtenteils (von Steuern und Wahlen mal abgesehen) wahrscheinlich gar nicht gewohnt sind diese Demokratie als ein beschützenswertes und verteidigungswürdiges Gut zu betrachten, jetzt, vielleicht zum ersten Mal, gefordert sind. Gefordert für etwas einzutreten. Kaum noch jemand, der darum herumkommt sich zu positionieren. Und bei dieser Positionierung kommt dann zu Tage, was wir als wirklich schützenswert erachten: die Freiheit, die Menschenwürde, das Grundgesetz, die Nation, den Vorgarten, den Immobilienpreis, die Sicherheit, die Demokratie, das Abendland, die Multi-Kulti-Gesellschaft. Und so vieles mehr.
Aber für mich kommt dahinter noch mehr ans Licht: in diesem Land scheint es einen Vulkan unterdrückter Emotionen zu geben, der gerade in Teilen ausbricht. Da gibt es eine Ebene der Emotionen, die klein und verkümmert ist und gehört werden möchte.
Ich kann die Unsicherheit manch anderer nachvollziehen: es ist so vieles in Bewegung, die Welt scheint sich schneller zu drehen und zu verändern – und der aufkommende Wind weht in alle Ritzen und Vorgärten. Ich versuche das alles für mich greifbar und erklärbarer zu machen und es endet bei einem Wort: Verunsicherung.
Und direkt wird mir die Ironie klar: wäre ich vor dem Krieg aus meiner kleinen überschaubaren Welt mit festen Werten und Regeln geflüchtet um mich in einem Land wiederzufinden, in dem die Menschen anders aussehen, die Sozialisation anders ist, die Religion, die Gesetze, die vielzitierten Werte, der Baustil, also eigentlich alles anders ist, innerlich wie äußerlich, als ich es gewohnt bin – ich wäre vor allem eins: verunsichert. Bis zur Ohnmacht. Auch wenn dieses Land mich aufnimmt, auf mich gewartet hat es nicht. Und wie orientiere ich mich? Der einzige Halt ist eine gewisse Sicherheit und die sozialen Netze, virtuell wie real. Das Stückchen Heimat im Mitreisenden, in Facebook. Schwer vorstellbar, dass man weiter außerhalb seiner Komfortzone sein kann. Und das als Dauerzustand.
Und wenn ich mir jetzt vorstelle, ich lebe in einem kleinen Ort, sagen wir in Sachsen, und kenne jeden dort. Ich kenne kaum Fremde, vielleicht aus dem Urlaub. Ich lebe in einer gewissen Isolation, die ich nicht anders kenne und auch nicht anders möchte. Mein Stück Welt, erarbeitet oder geerbt, oder beides. Und dann höre ich von Strömen. Von Menschenmassen, Fremden, mit fremder Sprache und Religion, vielen jungen Männern, zwischendurch vom Terrorismus, ich kenne den Unterschied nicht, zwischen denen in Paris und denen die kommen, die vermeintlich oder tatsächlich in diese meine Welt eindringen. Ja, zugegeben, es fällt mir schwerer das nachzuvollziehen, aber auch hier wäre ich vor allem eines: verunsichert.
Was hindert nun Mensch A und Mensch B daran sich in ihrer gemeinsamen Verunsicherung zu begegnen? Und sich in diesem gemeinsamen Gefühl als Menschen zu sehen?
Denn das wäre genau der Ansatz von dem aus alles gut werden könnte.
Aber so einfach ist es nicht, oder?
Oder doch?
Kann es sein und ist es immer wieder.
Aber im Regelfall und ganz aktuell…
offensichtlich nicht.
An dieser Stelle kann so vieles erklärt werden. Und die Erklärung, das Verständnis, lässt kaum noch Raum für Wut und Ohnmacht.
Und ich vermute, wer bis hierhin gelesen hat, will ohnehin nicht Getriebener dieser Gefühle sein. Wie tief wollen wir schauen? Und wie ehrlich?
Ich kann auf die Ursachen aller Probleme im nahen Osten und in Afrika schauen und werde zurückgeworfen auf die europäischen Länder, die mit Linealen willkürliche Grenzen durch Völker gezogen haben. Aus Gier, Großmachtsträumen und Machtinteresse. Mit der Ignoranz ihrer Zeit und ihres Raumes, des christlichen Abendlandes. Reichtum und Macht, errichtet auf den Körpern von Völkern, die vermeintlich unterentwickelt waren. Was ein Boomerang ist, war unseren Vorvätern offensichtlich nicht bewußt – oder es war ihnen nicht wichtig. Jetzt kommt er zurück.
Von Völkern, die von Europäern in die Neuzeit katapultiert wurden. Was sie so ziemlich als erstes und wahrscheinlich am Ausgiebigsten kennenlernten waren Sklaverei und moderne Waffen. Willkommen in unserer Welt!
Das dritte Reich. Es hat uns mit all seinem Leid zu dem vielleicht einzigen Land auf dieser Erde gemacht, das sich konsequent kritisch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen musste. Ein Land, das als Nation seine Daseinsberechtigung eigentlich verwirkt hatte und trotzdem nur vorübergehend zerbrochen ist.
Die Gegenwart: viel ist an Kreativität getötet worden, aber Fleiß, Wissen, Disziplin, irgendetwas muss es ja sein hat dieses Land zu vielleicht dem heiligen Land unserer Zeit werden lassen. Manche Menschen in Afrika glauben tatsächlich, dass wir uns mit Geldscheinen den Hintern abwischen. Nein, kein Scherz. Gekauft ist ein Teil dieses Wohlstands aktuell auf dem Rücken von Menschen in Asien, die für Hungerlöhne diesen Wohlstand tragen. Das T-Shirt für 2€. Irgendjemand muss es hergestellt haben.
Der Boomerang, er kommt zurück.
Haben wir aus Vergangenheit gelernt?
Oder haben wir verstanden?
Das ist für mich die aktuelle Frage.
Was haben wir gelernt? Hitler war schlecht, das dritte Reich sowieso und das darf nie wieder vorkommen.
Geschenkt, denn: wird es auch nicht. Egal in welchem Kostüm es sich zeigt, es wird anders heissen.
Wir haben auch die Aristokratie überwunden, um es jetzt vollkommen selbstverständlich zu finden, dass 62 mehr als aristokratisch elitäre Personen so viel Kapital besitzen wie die ärmeren 50% der Weltbevölkerung. Aristokratie, so ein Quatsch! Lächerlich! Vergangenheit!
Geldadel? Tja, ist halt Kapitalismus. Was willst du machen?
Gelernt oder verstanden?
Wir haben gelernt, dass man Minderheiten nicht ausgrenzt.
Aber haben wir das auch verstanden?
Das alles ist keine Haarspalterei.
In Deutschland hat die AKP von Erdogan im November 2015 knapp 60% der Stimmen bekommen. Weit mehr noch als in der Türkei selbst.
Gehe ich zu weit, wenn ich sage, dass die hier lebenden Türken zu vielleicht 60% nie ganz hier angekommen sind?
Das würde verfehlte Integration seit den 60er Jahren bedeuten.
Passiert das, wenn Menschen das Gefühl haben willkommen zu sein?
Gehört zu diesem Gefühl „willkommen“ vielleicht nicht noch etwas mehr als ein Arbeitsplatz und eine Bleibe?
Wenn ich als Kind aus dem ersten Sommerurlaub alleine zurückkomme und meine Mutter mich in Empfang nimmt…das ist Willkommen. Lass es im besten Fall reine Freude gewesen sein. Aber muss es nicht.
Vielleicht ein Lächeln, eine Einladung, ein Scherz? Irgendetwas, was von Herzen kommt.
Haben wir in diesem Land, nachdem uns die unter uns lebenden Juden schon zu fremd waren, je verstanden „fremd“ nicht als etwas Schlechtes zu sehen? Oder nur gelernt?
„Fremd“ nicht schlecht zu betiteln bedeutet nicht, es als etwas Gutes zu sehen.
„Fremd“ zu tolerieren, heisst nicht „fremd“ zu akzeptieren.
Man kann lernen, wie man sich verhalten soll. Man kann lernen, was gut und was schlecht ist. Aber Verständnis geht tiefer.
Oder anders ausgedrückt: wer verstanden hat, wie leicht es ist, sich verführen zu lassen und wohin es führen kann, der wird höchstwahrscheinlich einen Bogen darum machen.
Wer nur gelernt hat, wie gefährlich es ist, der kann leben ohne den Anteil in sich zu kennen, der sich verführen lassen möchte.
Mit 18 Jahren im Jahr 1935 wäre ich nicht nur zur Wehrmacht gegangen. Ich hätte mich für die SS beworben. Ich hätte zur Elite der Elite gehören wollen. Mein Selbstvertrauen war so gering, ich hätte gebadet in dem Gefühl wichtig und elitär zu sein.
Andere gehen mit 58 zur Pegidademonstration oder mit 999 anderen zum Kölner Hauptbahnhof. Vielleicht auch um sich ernst genommen zu fühlen oder mal kurz nicht alleine und orientierungslos und überfordert zu sein.
Wir sind Menschen. Menschen in einem sehr speziellen Land. Ein Land, dass uns eine Bürde auferlegt hat, wann auch immer wir geboren sind. Und diese Bürde kann ein Geschenk sein. Sie wird es ab dem Zeitpunkt, wo wir uns gestatten erst Mensch und anschließend irgendetwas anderes zu sein. Und als Mensch Menschen zu begegnen. Dann, glaube ich, haben wir verstanden, dass Menschlichkeit zu leben unser historisches Erbe ist, was uns vielleicht eines Tages dazu befähigt in einer Weise Vorbild zu sein, dass nicht alle anderen Länder die gleichen Fehler machen, die wir in diesem Land gemacht haben.