Zeitenwende

Mit deutscher Nachrichtenberichterstattung bin ich groß geworden. Vor ein paar Jahren habe ich angefangen mich zu fragen, wer eigentlich auswählt was berichtenswert ist. Irgendjemand muss vor vielen Jahren mal festgelegt haben, dass ein Discobrand in Nigeria mit 147 Toten eine Meldung in den Abendnachrichten wert ist. Würden weniger als 50 sterben würde ich vielleicht nie davon erfahren. Passiert das Ganze durch eine Bombe kann ich der Nachricht kaum noch entkommen.
Warum muß ich das überhaupt wissen? Eigentlich will ich nur ein bißchen auf dem Laufenden bleiben, was außerhalb meiner begrenzten Welt vor sich geht, allein: so trist und abstumpfend, die Aneinanderreihung von Politik, Tod und Zerstörung. Kaum ein Buschbrand in Australien, der mir entgangen wäre. Oder ein Fährunglück. Dafür wusste ich lange nicht, was sich in dieser Welt gerade irgendwo zum Besseren entwickelt. Wo viele Arbeitsstellen geschaffen wurden. Oder welches Land seine Klimaziele übertroffen hat. Das scheint sich langsam zu ändern. Zu langsam für meine Ungeduld, aber immerhin.
Nun bin ich weit davon entfernt, dahinter eine Weltverschwörung zu sehen oder die Lügenpresse als abstruses Produkt der Mächtigen um uns kleine Menschen unter Kontrolle zu halten. Nein, das machen wir schon selbst. Es ist wohl so, dass wir eine Faszination für eben diese Themen haben. Vielleicht mit Ausnahme von Politik, zumindest wenn sie keinen direkten Bezug zu uns zu haben scheint. Ich habe mal gehört, dass jemand in England „happy news“ zu machen versucht hat. Positive Nachrichten. Mangels Interesse musste das sehr schnell wieder eingestellt werden. Sicherlich auch ein Extrem, aber es dient zur Verdeutlichung: vielleicht ist die Art, wie wir die Welt über Nachrichten wahrnehmen, die Art, die uns zur Normalität geworden ist, ebenfalls extrem?
Der Gedanke macht es mir nicht eben leichter mit der Schnelligkeit und gleichzeitigen Dramatik umzugehen, die unsere Zeit mehr und mehr prägt. Von einer Krise zur nächsten. Von der Griechenlandkrise zur Flüchtlingskrise zur Krise des Rechtsstaats. Und Terror. Immer wieder Terror. Und kaum Zeit zum Luftholen.
Was macht das mit uns? Mit mir macht es – mehreres. Unter anderem finde ich mich fast nirgendwo noch wieder bei all den Meinungen, die gerade in Artikeln, Kommentaren und Foren geäußert werden. Ein Blumenstrauß von Angstneurosen, Ansichtsnelken und Egoprimeln – zu schnell und automatisch gepflückt, ausgerupft, verwelkt.
Gleichzeitig nehme ich eine unsichtbare, wabernde Angst wahr, die sich so ungreifbar wie bedrohlich ausbreitet. Auf der Straße, im Alltag, in mir.
Auch nehme ich eine Gier wahr. Eine Gier nach Unterhaltung. Wann und wo wird wieder irgendwas passieren?
Und das alles zeigt mir, dass sehr oberflächliche oder archaische Eigenschaften von mir gefüttert werden. Eigenschaften, die mir im Alltag kaum zu etwas nützlich sind. Sie sind sicher nicht das Fundament von dem aus ich mich weiterentwickele oder die die Kraft haben, positive oder kreative Veränderungen zu erreichen.
Und dann gab es die Vorkommnisse in der Sylvesternacht 2016 und irgendetwas hat sich noch mal geändert. Und ich war nach langer Zeit mal wieder fassungslos. Ein Gefühl, dass ich übrigens sehr interessant finde. So faszinierend wie Staunen, mit einem Geschmack von Hilflosigkeit. Vieles, was ich in diesem Deutschland als selbstverständlich hingenommen und kaum hinterfragt hatte wurde in einer Nacht am Nasenring durch die Arena geführt. Es ist also vielleicht gar nicht selbstverständlich, dass man zu jeder Tages- und Nachtzeit fast alle Orte in diesem Land begehen kann. Menschen schießen mit Sylveterraketen aufeinander, lachen über und ignorieren überforderte Polizeikräfte um Straftaten zu begehen. Menschen befreien sich aus einer wahrscheinlich empfundenen Ohnmacht indem sie mit steinzeitlich-anmutendem Verhalten Frauen, selbst Kinder nötigen, demütigen und zu weiblichem Fleisch und Lustobjekt erniedrigen. Und das ganze mitten in Köln und Hamburg. Roh und alarmierend.
Zu allem Überfluß war es so einfach.
Vieles ist mir danach durch den Kopf gegangen. Dieses Vorkommnis hat so viel demaskiert. Vor allem, dass die Freiheit mit der ich aufgewachsen bin eben doch nicht selbstverständlich ist und das die gerade lebenden Generationen, die es größtenteils (von Steuern und Wahlen mal abgesehen) wahrscheinlich gar nicht gewohnt sind diese Demokratie als ein beschützenswertes und verteidigungswürdiges Gut zu betrachten, jetzt, vielleicht zum ersten Mal, gefordert sind. Gefordert für etwas einzutreten. Kaum noch jemand, der darum herumkommt sich zu positionieren. Und bei dieser Positionierung kommt dann zu Tage, was wir als wirklich schützenswert erachten: die Freiheit, die Menschenwürde, das Grundgesetz, die Nation, den Vorgarten, den Immobilienpreis, die Sicherheit, die Demokratie, das Abendland, die Multi-Kulti-Gesellschaft. Und so vieles mehr.
Aber für mich kommt dahinter noch mehr ans Licht: in diesem Land scheint es einen Vulkan unterdrückter Emotionen zu geben, der gerade in Teilen ausbricht. Da gibt es eine Ebene der Emotionen, die klein und verkümmert ist und gehört werden möchte.
Ich kann die Unsicherheit manch anderer nachvollziehen: es ist so vieles in Bewegung, die Welt scheint sich schneller zu drehen und zu verändern – und der aufkommende Wind weht in alle Ritzen und Vorgärten. Ich versuche das alles für mich greifbar und erklärbarer zu machen und es endet bei einem Wort: Verunsicherung.
Und direkt wird mir die Ironie klar: wäre ich vor dem Krieg aus meiner kleinen überschaubaren Welt mit festen Werten und Regeln geflüchtet um mich in einem Land wiederzufinden, in dem die Menschen anders aussehen, die Sozialisation anders ist, die Religion, die Gesetze, die vielzitierten Werte, der Baustil, also eigentlich alles anders ist, innerlich wie äußerlich, als ich es gewohnt bin – ich wäre vor allem eins: verunsichert. Bis zur Ohnmacht. Auch wenn dieses Land mich aufnimmt, auf mich gewartet hat es nicht. Und wie orientiere ich mich? Der einzige Halt ist eine gewisse Sicherheit und die sozialen Netze, virtuell wie real. Das Stückchen Heimat im Mitreisenden, in Facebook. Schwer vorstellbar, dass man weiter außerhalb seiner Komfortzone sein kann. Und das als Dauerzustand.
Und wenn ich mir jetzt vorstelle, ich lebe in einem kleinen Ort, sagen wir in Sachsen, und kenne jeden dort. Ich kenne kaum Fremde, vielleicht aus dem Urlaub. Ich lebe in einer gewissen Isolation, die ich nicht anders kenne und auch nicht anders möchte. Mein Stück Welt, erarbeitet oder geerbt, oder beides. Und dann höre ich von Strömen. Von Menschenmassen, Fremden, mit fremder Sprache und Religion, vielen jungen Männern, zwischendurch vom Terrorismus, ich kenne den Unterschied nicht, zwischen denen in Paris und denen die kommen, die vermeintlich oder tatsächlich in diese meine Welt eindringen. Ja, zugegeben, es fällt mir schwerer das nachzuvollziehen, aber auch hier wäre ich vor allem eines: verunsichert.
Was hindert nun Mensch A und Mensch B daran sich in ihrer gemeinsamen Verunsicherung zu begegnen? Und sich in diesem gemeinsamen Gefühl als Menschen zu sehen?
Denn das wäre genau der Ansatz von dem aus alles gut werden könnte.
Aber so einfach ist es nicht, oder?
Oder doch?
Kann es sein und ist es immer wieder.
Aber im Regelfall und ganz aktuell…
offensichtlich nicht.
An dieser Stelle kann so vieles erklärt werden. Und die Erklärung, das Verständnis, lässt kaum noch Raum für Wut und Ohnmacht.
Und ich vermute, wer bis hierhin gelesen hat, will ohnehin nicht Getriebener dieser Gefühle sein. Wie tief wollen wir schauen? Und wie ehrlich?
Ich kann auf die Ursachen aller Probleme im nahen Osten und in Afrika schauen und werde zurückgeworfen auf die europäischen Länder, die mit Linealen willkürliche Grenzen durch Völker gezogen haben. Aus Gier, Großmachtsträumen und Machtinteresse. Mit der Ignoranz ihrer Zeit und ihres Raumes, des christlichen Abendlandes. Reichtum und Macht, errichtet auf den Körpern von Völkern, die vermeintlich unterentwickelt waren. Was ein Boomerang ist, war unseren Vorvätern offensichtlich nicht bewußt – oder es war ihnen nicht wichtig. Jetzt kommt er zurück.
Von Völkern, die von Europäern in die Neuzeit katapultiert wurden. Was sie so ziemlich als erstes und wahrscheinlich am Ausgiebigsten kennenlernten waren Sklaverei und moderne Waffen. Willkommen in unserer Welt!
Das dritte Reich. Es hat uns mit all seinem Leid zu dem vielleicht einzigen Land auf dieser Erde gemacht, das sich konsequent kritisch mit seiner Vergangenheit auseinandersetzen musste. Ein Land, das als Nation seine Daseinsberechtigung eigentlich verwirkt hatte und trotzdem nur vorübergehend zerbrochen ist.
Die Gegenwart: viel ist an Kreativität getötet worden, aber Fleiß, Wissen, Disziplin, irgendetwas muss es ja sein hat dieses Land zu vielleicht dem heiligen Land unserer Zeit werden lassen. Manche Menschen in Afrika glauben tatsächlich, dass wir uns mit Geldscheinen den Hintern abwischen. Nein, kein Scherz. Gekauft ist ein Teil dieses Wohlstands aktuell auf dem Rücken von Menschen in Asien, die für Hungerlöhne diesen Wohlstand tragen. Das T-Shirt für 2€. Irgendjemand muss es hergestellt haben.
Der Boomerang, er kommt zurück.
Haben wir aus Vergangenheit gelernt?
Oder haben wir verstanden?
Das ist für mich die aktuelle Frage.
Was haben wir gelernt? Hitler war schlecht, das dritte Reich sowieso und das darf nie wieder vorkommen.
Geschenkt, denn: wird es auch nicht. Egal in welchem Kostüm es sich zeigt, es wird anders heissen.
Wir haben auch die Aristokratie überwunden, um es jetzt vollkommen selbstverständlich zu finden, dass 62 mehr als aristokratisch elitäre Personen so viel Kapital besitzen wie die ärmeren 50% der Weltbevölkerung. Aristokratie, so ein Quatsch! Lächerlich! Vergangenheit!
Geldadel? Tja, ist halt Kapitalismus. Was willst du machen?
Gelernt oder verstanden?
Wir haben gelernt, dass man Minderheiten nicht ausgrenzt.
Aber haben wir das auch verstanden?
Das alles ist keine Haarspalterei.
In Deutschland hat die AKP von Erdogan im November 2015 knapp 60% der Stimmen bekommen. Weit mehr noch als in der Türkei selbst.
Gehe ich zu weit, wenn ich sage, dass die hier lebenden Türken zu vielleicht 60% nie ganz hier angekommen sind?
Das würde verfehlte Integration seit den 60er Jahren bedeuten.
Passiert das, wenn Menschen das Gefühl haben willkommen zu sein?
Gehört zu diesem Gefühl „willkommen“ vielleicht nicht noch etwas mehr als ein Arbeitsplatz und eine Bleibe?
Wenn ich als Kind aus dem ersten Sommerurlaub alleine zurückkomme und meine Mutter mich in Empfang nimmt…das ist Willkommen. Lass es im besten Fall reine Freude gewesen sein. Aber muss es nicht.
Vielleicht ein Lächeln, eine Einladung, ein Scherz? Irgendetwas, was von Herzen kommt.
Haben wir in diesem Land, nachdem uns die unter uns lebenden Juden schon zu fremd waren, je verstanden „fremd“ nicht als etwas Schlechtes zu sehen? Oder nur gelernt?
„Fremd“ nicht schlecht zu betiteln bedeutet nicht, es als etwas Gutes zu sehen.
„Fremd“ zu tolerieren, heisst nicht „fremd“ zu akzeptieren.
Man kann lernen, wie man sich verhalten soll. Man kann lernen, was gut und was schlecht ist. Aber Verständnis geht tiefer.
Oder anders ausgedrückt: wer verstanden hat, wie leicht es ist, sich verführen zu lassen und wohin es führen kann, der wird höchstwahrscheinlich einen Bogen darum machen.
Wer nur gelernt hat, wie gefährlich es ist, der kann leben ohne den Anteil in sich zu kennen, der sich verführen lassen möchte.
Mit 18 Jahren im Jahr 1935 wäre ich nicht nur zur Wehrmacht gegangen. Ich hätte mich für die SS beworben. Ich hätte zur Elite der Elite gehören wollen. Mein Selbstvertrauen war so gering, ich hätte gebadet in dem Gefühl wichtig und elitär zu sein.
Andere gehen mit 58 zur Pegidademonstration oder mit 999 anderen zum Kölner Hauptbahnhof. Vielleicht auch um sich ernst genommen zu fühlen oder mal kurz nicht alleine und orientierungslos und überfordert zu sein.
Wir sind Menschen. Menschen in einem sehr speziellen Land. Ein Land, dass uns eine Bürde auferlegt hat, wann auch immer wir geboren sind. Und diese Bürde kann ein Geschenk sein. Sie wird es ab dem Zeitpunkt, wo wir uns gestatten erst Mensch und anschließend irgendetwas anderes zu sein. Und als Mensch Menschen zu begegnen. Dann, glaube ich, haben wir verstanden, dass Menschlichkeit zu leben unser historisches Erbe ist, was uns vielleicht eines Tages dazu befähigt in einer Weise Vorbild zu sein, dass nicht alle anderen Länder die gleichen Fehler machen, die wir in diesem Land gemacht haben.